Robert Kurson - Shadow Divers
(dt. "Im Sog der Tiefe")
Bei diesem Buch handelt es sich um einen spannenden Tatsachenroman, der die Geschichte der Entdeckung eines deutschen U-Boots aus dem 2. Weltkrieg vor New Jersey an der Ostküste Amerikas erzählt.
Der Inhalt
Kurson schildert in diesem Buch, wie eine Handvoll Taucher, im Speziellen John Chatterton und Richie Kohler, 1991 vor der Küste New Jerseys ein unekanntes U-Boot entdecken. nach einigen Tauchgängen bringt Chatterton Geschirr mit Adler und Hakenkreuz auf der Rückseite nach oben, ein Beweis, dass es sich bei dem Wrack um ein deutsches Unterseeboot aus dem zweiten Weltkrieg handeln muss. Aber um welches? Kein deutsches Boot wurde vor der Küste Amerikas vermisst und auch der amerikanischen Marine ist nichts von einem versenktem Schiff an dieser Stelle bekannt.
Das Buch berichtet die vollständige Geschichte der Entdeckung des Bootes und des Rätsels, das es umgab. Von der Übergabe der Ortungsnummern eines unbekannten Wracks durch einen Fischer an die Tauchlegende und Tauchcharterschiffbesitzer Bill Nagel, dem ersten Tauchgang an dem sehr tief gelegenen unbekannten Schiff über die Recherche bis hin zur Lösung des Rätsels, um welches U-Boot es sich handelt. Im Zentrum des Buches stehen selbstverständlich die Taucher, die immer obsessiver versuchen, das Geheimnis zu lüften.
Natürlich bietet dieses Buch weit mehr, als nur die Geschichtung der Erforschung eines unbekannten Wracks. Die Tiefe des Wracks, über 70m, Strömungen, Dunkelheit und natürlich das zerfallene U-Boot selbst machten die Tauchgänge zu einer echten Herausforderungen. Zu einer Zeit als Trimix zwar schon bekannt, aber noch nicht verbreitet war und überwiegend nach den US Navy Tauchtabellen dekomprimiert wurde, riskierten die Taucher bei diesen Tieftauchgängen ihr Leben und drei Personen starben bei der Untersuchung des U-Boots, darunter Chris Rouse und Chris Rouse Jr., deren Unfall auch ein eigenes Buch gewidmet ist, "Der letzte Tauchgang".
Aber auch Bill Nagle erlebt nicht mehr die Lösung des Rätsels, da ihn die Alkoholsucht dahin rafft und sowohl Kohler als auch Chatterton bezahlen für ihre Obsession mit dem Scheitern ihrer Ehe. Insgesamt fordert das U-Boot, neben der eigenen Besatzung die allesamt beim Untergang verstarben, von den Tauchern noch einmal hohe Opfer, ehe es sich ihr Geheimnis entreißen lässt.
Taucht das Buch was?

Das Buch ist unglaublich spannend und liest sich, obwohl weitestgehend ein reiner Tatsachenbericht, wie ein echter Krimi. Die Beschreibung der Taucher und der durch sie durchgeführten Tauchgänge lässt den lesenden Taucher das Buch nicht mehr aus der Hand legen, ehe es verschlungen wurde (außer man unterbricht es, um selbst einen Tauchgang zu machen). Sowohl aus einer echt historischen Sicht - das Schicksal des Unterseebootes und seiner Crew - als auch aus tauchhistorischer Sicht vorzüglicher Lesestoff.
Aus taucherischer Sicht kann man sagen, dass das Buch hervorragend recherchiert ist. Die Beschreibung der Ausrüstung, die Darstellung der Tauchgänge, die Schilderungen der Gefahren der Tiefe - nie hat man das Gefühl, dass der Autor nicht weiß, worüber er schreibt. Dabei schafft er das Kunststück, sowohl interessant für aktive Taucher zu schreiben, als auch für absolute Nicht-Taucher. Dies gelingt ihm, weil er durch seinen leicht dramatischen Schreibstil auch in erklärenden Passagen Spannung erzeugt, sich nicht zu sehr in für Laien tauchtechnische Einzelheiten verliert, gleichzeitig aber auch nichts für Taucher relevantes auslässt. Dazu kommt, dass es sich bei den geschilderten Tauchgängen um echte Grenz-Tauchgänge handelt, also Tauchgänge am Rande dessen, was mit normaler Luft überhaupt möglich (und natürlich nicht empfehlenswert) ist. Tauchhistorisch ist aber auch genau dies äußerst interessant - der langsame Wechsel von Luft zu Trimix, das damals noch als "Voodoo-Gas" argwöhnisch beäugt wurde und erst nach und nach bei den Tauchgängen an dem unbekannten U-Boot eingesetzt wurde.
Dafür verzeiht man dem Buch auch einige leichte Schwächen. So schreibt er:" [...]at depths greater than about 66 feet, his judgement and motor skills can become impaired [...] Beyond 100 feet, where some of the best shipwrecks lie, he can be significantly handicapped [...]" Wenn man mal schnell umrechnet und feststellt, dass es hier um Tiefen von etwas über 20, bzw. 30 Metern geht, dann erkennt man die Übertdramatisierung, denn wenn es da schon so schlimm ist, wie ist es dann erst auf über 200feet (~ 60m). Dies ist insofern etwas schade, als diese und andere Ungenauigkeiten / Überdramatisierungen bei diesem Stoff gar nicht nötig wären. Andererseits ist dies auch schon der einzige Kritikpunkt.
Was dem Buch inzwischen manchmal vorgeworfen wird, ist dass es sich zu sehr auf Chatterson und Kohler als Protagonisten stützt und dadurch die Wichtigkeit anderer Personen herunterspielt. Hierzu muss ich sagen, dass dies natürlich auch dem Genre geschuldet ist. Es handelt sich hierbei um einen Tatsachenroman, keine Protokoll, d.h. es muss auch Hauptpersonen geben, mit denen der Leser mitfiebern kann. Der Input der anderen Taucher wird nach meinem Gefühl nicht heruntergespielt.
Ein anderer Kritikpunkt ist die Erklärung der tatsächlichen Untergangsursache. Die im Buch vorgebrachte Erklärung wird von anderen Personen inzwischen angezweifelt und andere Begründungen als wahrscheinlicher dargestellt. Dies beeinträchtigt den Wert des Buches aber in keiner Weise, den auch wenn sie nicht richtig sein sollte - es handelt sich um eine Hypothese, die aus Sicht des Autors schlüssig scheint.
Resümee
Eine absolute Kaufempfehlung! Dies ist das spannenste Buch über Tauchen, das ich kenne. Auch für Nichttaucher, die sich generell für die Themantik interessieren bestens geeignet. Nicht unbedingt geeignet für nicht-tauchende Partner, denn die könnten sich bei Euren zukünftigen Wracktauchgängen extrem Sorgen machen.
Apropos Wracktauchgänge - die im Buch geschilderten sind natürlich außerhalb der Reichweite von ca. 99,9% aller Taucher, die das Buch lesen und die restlichen würden solche Tauchgänge heutzutage auch nicht mehr auf diese Weise durchführen, sondern z.B. mit Trimix. Andererseits ist es auf jedenfall so, dass man von dem Buch sicherlich noch mehr hat, wenn man selber schon Wracktauchgänge, vielleicht sogar mit Penetration, hinter sich hat. Umso besser kann man sich vorstellen, wie es damals wirklich bei der Erforschung des U-Boots war. Und wenn man nach dem Lesen des Buches das nächste Mal an einem Wrack ist, wird man sich sicherlich auch an die Lektüre erinnern!
Rating:
Absolute Kaufempfehlung - 5 von 5 goldene Masken!

