Negativ tariert:

Chancen in der Krise?

Von Michael Böhm und Andreas Nowotny

Allgemeine Flaute auf dem Weltmarkt – so die Damokles-Berichterstattung nahezu aller Medien. Weltuntergangsstimmung als Quotenreißer.

Manch einer mag es abstreiten, doch die Zeichen deuten stark darauf hin: Die Tauchszene wird im Jahr 2009 einen merklichen Ruck verspüren. Glaubt man den Experten der Szene, verspricht dieses Jahr spannend zu werden, denn die Zahlen werden nicht mehr stimmen. 2009 - das Jahr, das die Spreu vom Weizen trennt?

Die ersten düsteren Zeichen am Taucherhimmel

Bereits jetzt zeigen sich erste finanzielle Bewegungen am Herstellermarkt. Attestierte der General Manager von Johnson Outdoors in Deutschland noch im Oktober 2008 beste Aussichten, sprachen die Finanzexperten Anfang Dezember eine ganz andere Sprache: "Johnson Outdoors muss Verlust ausweisen" hieß es lapidar in Mitteilungen der Börsenszene. Und dies, wo bereits ein Jahr zuvor eine ähnlich lautende Meldung zu lesen war.


Die Reiseveranstalter als Bindeglied
zwischen Kunden und Tauchbasen
und Safarischiffen tragen
eine große Verantwortung.

Bei einem weiteren Großen der Szene ging Ware im Wert von über einer Million Euro, bereits an den Zwischenhandel ausgeliefert, in sein Lager zurück - unverkauft. Ein kleinerer Hersteller am europäischen Markt setzte auf Händler, die andere Hersteller nicht einmal mit der Kneifzange anpackten … und ging baden. Denn viele der Neukunden hatten finanzielle Probleme, meldeten bis Jahresende 2008 Insolvenz an.

Unprofessionalität – der Fluch der Tauchbranche?

Die gesamte Tauchbranche hat ein Problem: Es wird überwiegend unprofessionell gearbeitet. In Deutschland existieren nur wenige Tauchshops, die das Prädikat "professionell" zu Recht verdienen. Hinterhof-Tauchläden sind in der Überzahl, in denen viele Artikel erst bestellt werden müssen, der Kunde kaum Möglichkeit zur Anprobe hat. Kauft er lieber gleich im Internet, ist es zuerst die Keller-Boutique, die darüber lautstark schimpft. Und die vielgerühmte persönliche Nähe und Beratung? "Eigentlich habe ich gar keine Zeit, lange mit dem Kunden zu plaudern. Neben meinem Hauptberuf sollte ich verkaufen oder Tauchreisen organisieren. Das bringt Geld in die leere Kasse", so ein Shopbetreiber, der nicht genannt werden möchte. Aus Sorge, mit solchen Aussagen Kunden zu verlieren.


Hell leuchtende Fackel
oder Abenddämmerung?

Apropos Tauchreisen: Ein weiteres Beispiel für Unprofessionalität - die Wohnzimmer-Tauchreisebüros. Individuelle Betreuung lautet die Devise, liebevoll zusammengestellte Reisen, vielleicht sogar ohne die manchmal notwendigen Sicherungsscheine. So manch optimaler Reisetipp endete dann für Tauchreisende im Fiasko. Namhafte Veranstalter können ein Lied davon singen!

Aber auch im Bereich Ausbildung hinkt es: Tauchausbildungsverbände, die keine oder nur unzuverlässige Zahlen darüber liefern können, wie viele Taucher im letzten Jahr ausgebildet wurden. Nur zwei große Tauchverbände sind in der Lage, gesicherte Aussagen zu treffen: SSI und PADI. Wer bei deutschen Tauchverbänden an deutsche Gründlichkeit denkt, irrt gewaltig. In gewohnter Vereinsmeier-Manier verbarrikadiert sich der VDST hinter den angegliederten Kleintierzüchter- Tauchverbänden und den Vereinen, die ihre Ausbildungszahlen wie einen Schatz hüten - oder gar nicht kennen. Damit erreichen wir ein Kernproblem in der Szene.

Andere Freizeitbranchen machen es vor

Statistische Zahlenwerte sind eine Rückschau und diese erlaubt eine realistische Prognose. Liegen die Zahlenwerte einer Branche vor, kann jeder einen Nutzen daraus ziehen, zeigen sich Vernetzungen oder deren Notwendigkeit. Solange sich hier nichts ändert, es weiter Tauchshops gibt, die auf die Frage nach der Zahl der verkauften Flossen nur mit einem Schulterzucken, maximal einer Schätzung antworten können, bleibt das Zahlenspiel in der Tauchbranche auch künftig eine hypothetische Hochrechnung.

Andere Sportarten sind professioneller aufgestellt. Im Skisport gibt es gesichertes Zahlenmaterial, seit Jahren. Das Datenmaterial wird empirisch ermittelt, die Branche weiß mit den Zahlen umzugehen. Der große Unterschied zum Tauchsport: Die Skibranche macht sich die Mühe, Daten überhaupt erst zu erheben. Die Hersteller kennen ihre Verkaufszahlen, die Fachgeschäfte ihren Bedarf. Die Vororder klappt und der Hersteller kann für die kommende Saison kalkulieren. Unterstützt wird er dabei von professionell arbeitenden Organisationen in den Skigebieten. All dies fehlt in der Taucherei.

Use it or loose - was die Tauchbranche akzeptieren sollte


2009 - das Jahr, dem einige
trotz allgemeiner Tiefstimmung
gelassen entgegen sehen.

Mangels Datenmaterial ist wieder der Blick über den Zaun notwendig - in den Skisport. Und dessen Zahlen sind ernüchternd! Die gesamte Skibranche hat zwei harte Jahre hinter sich, über 30 Prozent Verlust wurden verzeichnet - unabhängig vom Hersteller. Die Verluste bewegen sich bei den einzelnen Unternehmen im zweistelligen Millionenbereich.

Dass diese Entwicklung am Luxussport Tauchen spurlos vorüber geht, scheint äußerst unwahrscheinlich. 2009 wird das Jahr der Ellenbögen. Oder wie es ein Insider formuliert: Verglichen mit einem Boxkampf befindet sich die Tauchbranche in der 11. oder gar 12. Runde. Vom Wettbewerb geht es direkt über in einen knallharten Verdrängungsmarkt und die Entscheidung darüber naht, wer die mageren Jahre übersteht.

Am Ende der Krise?

Wagen wir einen vorsichtigen Blick in die Zukunft: Die Hersteller werden sich neu orientieren, professioneller am Markt agieren müssen. Um Marktanteile zu sichern, werden sich Preiskämpfe entwickeln, von denen der Käufer profitiert. Hoffnungslose Kleinsthändler werden der "Gesundschrumpfung" zum Opfer fallen, die Seriösen der Szene werden überleben. Auch der ein oder andere Markenname wird sterben, andere werden dadurch langfristig ihre Position festigen.

Qualität und Professionalität werden wichtigste Kriterien werden, in der Industrie, bei den Händlern und den Reiseveranstaltern.



              
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Außer wenn gesondert angegeben: Texte und Photos & Illustrationen © 1999 - 2012 Andreas Nowotny

Letzte Änderung 19-Jan-11 12:33