Aufgesättigt

Wie viele Tauchlehrer braucht das Land?

Was, sie tauchen schon seit ein paar Jahren und sind noch kein Tauchlehrer? Wie kann das denn passieren? Schließlich ist doch der einzige Grund, mit dieser Sportart anzufangen, einmal in den Kreis der „Pro“-Taucher einzutreten. Aber keine Sorge, hier auf der Messe finden Sie in Halle 3 genügend Gelegenheit, ihrem traurigen Dasein als reiner Freizeittaucher zu entkommen!

Der Tauchsport ist in dieser Hinsicht tatsächlich einzigartig. In keiner anderen Sportart ist der Gedanke, so schnell wie möglich vom Anfänger zum Ausbilder zu mutieren so verbreitet, wie hier. Würde einem Tennisschüler einfallen, dass er unbedingt Tennislehrer werden will? Sieht jeder Skifahrer bei der ersten Abfahrt als Ziel im Tal sein Dasein als Skilehrer? Beim Tauchen ist das anders, hier wird von Anfang an als höchste Weihe der Tauchlehrer propagiert, darunter geht es nicht. Unterstützt wird dies von einer Vielzahl von Organisationen, die eine unüberschaubare Masse an Tauchlehrern produzieren, weit an allen Bedürfnissen des Marktes vorbei.

Tauchlehrer – ein Traumberuf?

Ronnie Kain im Interview
Ronnie Kain (SSI):
"Mit der letzten Kohle wollen
sie den Tauchlehrer machen"

Aus Sicht vieler ausbildenden Organisationen sicherlich sinnvoll, wirkt doch die „Karotte Tauchlehrer“ für den Tauchanfänger motivierend, so schnell wie möglich die verschiedenen Brevets auf dem Weg dorthin zu erlangen. Aber die Endstation Sehnsucht bleibt eine solche: Der Traum, an Traumstränden unter Palmen schöne Frauen im knappen Neopren in die Geheimnisse der Unterwasserwelt einzuweisen. Die Realität sieht anders aus.

Der Ausbildungsmarkt ist übersättigt und die Löhne für Tauchlehrer entsprechend im Keller. Das ist auch eine realistischere Endstation für viele – als Ausbilder in einem der vielen Kellergeschäfte. Oder als Billigarbeitskraft dort, wo zwar die Strände traumhaft sind, Arbeitsbedingungen und Löhne aber eher einem Albtraum zu entspringen scheinen. Und trotzdem, die Hoffnung stirbt zuletzt, die Hoffnung, vielleicht doch noch einmal die eigene Basis zu haben. "Momentan gibt es ein wenig viele Hartz 4 Tauchlehrer," erläutert Ronnie Kain, Training Manager SSI European Service Center, "das heißt, irgendwie machen die mit dem letzten Geld, was sie noch haben, ganz schnell den Tauchlehrer, springen nach Spanien und rufen: Hurra, hier bin ich!"

Ist Qualität unverkäuflich?

Diese Einstellung paart sich mit der immer noch herrschenden Geiz-ist-Geil-Mentalität vieler Kunden, die auch nicht bereit sind, für das Erlebnis Tauchen dementsprechend zu bezahlen. Die Preisschraube dreht sich nach unten und den hohen Standard, den die Tauchbranche bieten sollte, kann sie nicht leisten, weil sie nicht ausreichend dafür bezahlt wird. Dies entwertet den Tauchsport an sich, denn was nichts kostet, ist auch nichts mehr wert.

Thomas Kromp im Interview
Thomas Kromp (Barakuda):
"Wenn Piloten so ausgebildet
würden wie Tauchlehrer,
dann würde voraussichtlich
keiner mehr fliegen."

"Die gesamte Branche muss zur Qualität zurückfinden," meint Thomas Kromp, Ausbildungsleiter bei Barakuda. "Dann hat auch Tauchsport wieder Sinn und wir können ihn interessanter darstellen, besonders auch für Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn Jahren. Für die ist Tauchen heute doch eher langweilig." Geiz ist geil, gepaart mit Schnellbleiche, darunter leidet die Qualität der Ausbildung. Wer mit weniger als 150 Tauchgängen Tauchlehrer wird, hat in den seltensten Fällen die umfassende Erfahrung, die nötig wäre, um seine Schüler ernsthaft auszubilden.

Trotz moderner Lehrmaterialien gerät die Theorievermittlung zum Glücksspiel: Es ist eine Sache, die nötige Theorie gelernt und verstanden zu haben, eine ganz andere, diese auch zu vermitteln. Pädagogische Fähigkeiten fehlen bei vielen Ausbildern, ein bedenklicher Umstand in einem Sport, der potentiell gefährlich ist. Tauchlehrer werden bei den etablierten Organisationen fachlich auf ihre Aufgaben vorbereitet.

Thomas Kromp ist das aber nicht genug. "Tauchlehrer als Gruppe haben eine ganz ähnliche Verantwortung wie ein Fluglehrer, werden für die Aufgabe aber nicht richtig ausgebildet. Die Zielgruppen werden immer größer und fragmentierter und dem werden wir mit dem derzeitigen Ausbildungssystem nicht gerecht. Wir werden eigentlich nur fachlich ausgebildet und nicht für Beziehungsmanagement. Das ist ein Problem der Branche." Ein Umstand, dem Barakuda damit Rechnung trägt, dass bei ihnen der Bereich Sozialkompetenz, unter den neben Beziehungsmanagement auch Pädagogik, Psychologie, Animation und Führung fallen, mit vierzig Prozent in der Tauchlehrerausbildung berücksichtigt wird.

Kann sich der Markt selbst regulieren?

Horst Dederichs im Interview
Zählt auf die Selbstreinigung des Marktes:
Horst Dederichs (SDI/TDI)

Aber nicht alle Vertreter der Brache sehen die aktuelle Entwicklung so negativ, im Gegenteil. "Als wir in den super Boom-Zeiten waren, war das Problem sicherlich größer", so Horst Dederichs, Deutschlandchef von SDI/TDI. "Damals wurden viel mehr Tauchlehrer produziert, die Zahlen sind ja tatsächlich rückläufig. Da hatten wir sehr viel mehr Leute dabei, die lediglich suboptimal ausgebildet waren." Dederichs setzt dabei auf die Selbstheilungskräfte des Marktes in der Ausbildung: "Wer heute als Tauchlehrer nicht engagiert und gut arbeitet, der ist in zwölf Monaten nicht mehr da. Das selektiert der Markt, da bin ich mir sehr sicher."

Einig sind sich die Vertreter der verschiedenen Organisation beim Thema Qualität. Nur wenn diese entsprechend hoch ist, kann man den Kunden auch langfristig binden, bleibt dieser auch beim Tauchsport. Was ist aber jetzt mit den Tauchschülern, die sich direkt zum Tauchlehrer ausbilden lassen wollen? Diese Grundproblematik ist noch in allen Tauchausbildungsorganisationen verankert, denn zwischen 100 und 150 Tauchgängen reichen in den meisten Verbänden, um sich mit dem Tauchlehrertitel schmücken zu können. Auch hier empfindet Dederichs die Problematik als nicht so gravierend.

"Wie oft wird denn so jemand tatsächlich auch Tauchlehrer? Das ist doch gar nicht so häufig!" Vielleicht muss man auch erfahrenen Tauchern andere Perspektiven geben. Mehrere Organisationen stellen Überlegungen an, welche Ausbildungsaussichten dieser Zielgruppe geboten werden können. Damit böte man nicht nur Tauchanfängern von Anfang an andere Ziele als nur das Endziel Tauchlehrer, man könnte auch die hohe Abwanderung von Tauchern in andere Sportarten verhindern und die Taucher bis ins hohe Alter bei diesem Hobby halten. Und dies alles, ohne den Ausbildungsmarkt mit weiteren ungeeigneten Tauchlehren zu sättigen.



              
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Außer wenn gesondert angegeben: Texte und Photos & Illustrationen © 1999 - 2012 Andreas Nowotny

Letzte Änderung 19-Jan-11 12:33