Krieg am Maschendrahtzaun

Anatomie einer Beziehung

von Linus Geschke und Andreas Nowotny

Dies ist eine der Geschichten, angesiedelt im Süden Ägyptens, die nur die Wirklichkeit erzählen kann. Sie hat vieles, was eine gute Story braucht. Menschliche Abneigungen, Gerüchte, einen nebulösen Anfang und ein offenes Ende. Was ihr alleine fehlt, ist ein wenig Sex und Esprit.

Ihren vorläufigen Höhepunkt fand sie in der Errichtung eines Walles, der jetzt zwei Tauchbasen so voneinander trennt, wie es ehemals die Berliner Mauer mit zwei Ländern tat. Seit dem 12. Januar 2008 können die Gäste der Hotels Coraya, Samaya, Lamaya und Solaya (Madinat Coraya Komplex) die nahe gelegene Tauchbasis der Coraya Reef Divers nicht mehr über den Strandweg erreichen. Sie können auch nicht von deren Shuttlebus direkt am Hotel abgeholt werden, sondern müssen die Anlage verlassen und an der Straße warten, weil dem Bus die Zufahrt in die Hotelanlage verwehrt ist. Den Schuldigen an dieser Misere sehen die Coraya Reef Divers in der Nachbarbasis Coraya Divers, deren Center sich innerhalb des Ressorts befindet.


Hans Heinz Dilthey,
Coraya Divers

Angefangen hat die Geschichte deutlich unspektakulärer. Bis zum November 2006 wurde die jetzige Basis der Coraya Divers von den Extra Divers betrieben. Als keine Einigung mit der Hotelleitung über die Höhe der zu zahlenden Miete erzielt werden konnte, beschlossen die Inhaber, das Center aufzugeben. Hans Heinz Dilthey, ein in Kairo lebender deutscher Geschäftsmann ergriff die Chance, wurde mit den Inhabern des Ressorts einig und unterschrieb den Mietvertrag. Die bisherigen Basenleiter, Frank und Malis, hielten der Örtlichkeit der Treue und wechselten mit dem kompletten restlichen Staff zum neuen Inhaber über. Ein neuer Name war schnell gefunden: Coraya Divers.

Knapp vier Wochen passierte nichts Ungewöhnliches, bis erste Kunden sich bei der Basenleitung verwundert darüber äußerten, dass es in unmittelbarer Nähe wohl noch eine zweite Basis geben sollte. Diese, beheimatet im Nachbarhotel Resta Reef Ressort, weist eine verblüffende Namensähnlichkeit zur ersten Basis auf und firmiert unter dem Namen Coraya Reef Divers. Motto der neuen Basis: „Pay low, dive well“. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass die Preise für Tauchpakete rund 50 Prozent unter denen der Coraya Divers liegen. Der General Manager des neuen Tauchcenters, Matthias Beiber, entstammt dem Umfeld der Extra Divers.


Hans Matthias Beiber,
Coraya Reef Divers

In der Folge entwickelte sich unter Ägyptens Sonne ein munteres Hauen und Stechen. Man beschuldigte sich gegenseitig, falsche Berichte in Internetforen zu platzieren und Mitarbeiter des anderen Unternehmens abzuwerben oder bei den Arbeitsbehörden anzuschwärzen. Die Travco-Gruppe, der mit der TUI verbandelte größte ägyptische Touristikanbieter und Eigentümer der vier zum Madinat Coraya Komplex gehörenden Hotels, hat mit der dort ansässigen Tauchbasis Coraya Divers ein Exklusivabkommen. Um das Tauchcenter vor dem von den Coraya Reef Divers betriebenen Preisdumping zu schützen, wurde am Rande des Hotelkomplexes ein Zaun errichtet, welcher bis zum Wasser reichte. Laut Aussage des General Managers der Coraya Reef Divers, Matthias Beiber, eine rechtswidrige Praxis. Wenn man sich dagegen die meisten ägyptischen Hotelanlagen betrachtet, scheint dies eher zum allgemein praktizierten Standard zu gehören.

Der Meinung war die Küstenwache von El Qusier und Marsa Alam offenbar nicht. Am 23. Dezember 2007 nahmen sie den Zaun in Augenschein und veranlassten seine Entfernung. Matthias Beiber (Coraya Reef Divers): „Da aber keinerlei Arbeiter zur Verfügung gestellt wurden, mussten wir den Zaun selber einrollen.“ Knapp zwei Wochen lang war die Freiheit grenzenlos, bis neues Ungemach aufzog.

Am 12. Januar 2008 versperrte ein Wall, bestehend aus Sand und Geröll, erneut den Weg am Strand entlang. Die Travco-Gruppe erbaut auf einem zum Madinat Coraya Komplex gehörenden leeren Grundstück ein weiteres Hotel, das Dar El Madina. Der beim Bau anfallende Schutt sowie das zur Seite zu schaffende Geröll fanden in Strandnähe eine neue Heimat. Während die eine Seite darlegt, „dass wir als Tauchbasis mit dem Bau eines neuen Hotels und den damit verbundenen Erdbewegungen nun wirklich nichts zu tun haben“, schlägt bei den Coraya Reef Divers die Empörung hohe Wellen: „Wir werden uns das nicht gefallen lassen und haben die Presse, Küstenwache, Hepca, National Park- und Tourismusbehörde eingeschaltet.“

Indizien, die auf eine baldige Beilegung des Streites hinweisen, sind nicht auszumachen. Was übrig bleibt, ist die Erkenntnis, dass Neid, verletzte Eitelkeit und Missgunst zusammen wohl stärker sind, als die menschliche Vernunft.



              
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Außer wenn gesondert angegeben: Texte und Photos & Illustrationen © 1999 - 2012 Andreas Nowotny

Letzte Änderung 19-Jan-11 12:35