e-Learning...
... Heilsbringer oder Sargnagel für den Handel?
Klick. „Das ist ja wirklich einfach. Nur noch drei Fragen, dann habe ich den ersten Schritt zum Tauchschein hinter mir.’ Klick. Voll Eifer sitzt Jeanette vor ihrem Laptop und klickt sich durch den Online-Theorietest.
„Hm, wie war das noch mal mit Archimedes? Schnell googeln – ach ja, richtig.’ Klick. Am Computer kauft sie ein, lädt ihre Songs herunter und erledigt die Bankgeschäfte, warum also nicht auch die Tauchtheorie online lernen? Klick. „Herzlichen Glückwunsch Jeanette, Du hast den Theoriekurs bestanden. Drucke dieses Zertifikat aus und melde Dich beim nächsten Virtual Dive-Center, um im Full Enclosure VD-Suit die praktischen Grundzüge des Tauchens zu lernen.“
Zukunftsmusik? Nicht wirklich. Zwar kann der Tauchanfänger die Hallenbadausbildung nicht virtuell hinter sich bringen, aber das Thema e-Learning ist aus dem Tauchsport nicht mehr wegzudiskutieren. Was vor ein paar Jahren mit einigen Websites von engagierten Tauchern begann, ist längst professionalisiert. Neben unabhängigen Anbietern, wie Tauchkurs24 (inzwischen von VIT und EDA zertifiziert), sind es besonders die kommerziellen Verbände, die Chancen und neue Vertriebswege sehen. Bei SSI gibt es schon seit einigen Jahren Projekte in diese Richtung und dieses Jahr zog PADI nicht nur nach, sondern setzte noch einen drauf. In der Juniausgabe der „tauchen“ verkündete PADIEurope- Geschäftsführer Jean-Claude Monachon, dass ab Juni 2007 nicht nur der PADI OWD Theoriekurs, sondern auch die dazu gehörende Prüfung online absolviert werden können. (Allerdings müssen die Tauchschüler vor der Praxis noch einen Schnelltest im Dive Center ablegen.)
Des einen Freud …

Keine Frage, PADI hat die Zeichen der Zeit erkannt. Online ist in und die virtuelle Welt für viele Menschen zu einer zweiten Heimat geworden. Ein Trend, der sich auch in den Foren von Taucher.Net zeigt. Was also liegt näher, als die Web 2.0 Jugend dort abzuholen und fürs World Wide Water zu begeistern, wo sie sich sowieso überwiegend aufhält – vor dem Computer?
Für die Ausbildungsorganisationen liegen die Vorteile klar auf der Hand, wie die Stärkung der direkten Bindung des Kunden zur Institution. Der Erstkontakt läuft direkt und gesteuert über die Kanäle des Verbands und nicht mehr unbedingt über eine Tauchschule, mit Instructoren die möglicherweise zusätzlich nach anderen Organisationen
brevetieren.
Bei der Theorievermittlung gewährleistet diese Methode daher die Einhaltung der Standards.
Gleichzeitig besteht natürlich durch solche Programme die Möglichkeit, neue Taucher von Anfang an in einer eigenen Online-Community zu bündeln. Sozusagen ein soziales Netzwerk für Leute, die eines gemeinsam haben: Sie machen bei der gleichen Organisation ihre Tauchausbildung. Und nach der Ausbildung? Bleibt man natürlich der Community und damit der Organisation treu!
… des anderen Leid?
Wie aber sieht es auf Seiten der Tauchschulen aus? Besteht hier nicht Grund zur Annahme, dass eine weitere Erosion ihres Geschäftsfelds stattfindet? Viele Tauchschulen sind durch die Konkurrenz der Online-Shops schwer angeschlagen. Wo sie punkten können, ist der persönliche Service, besonders im Bereich Schulung. Die Theorieschulung ist für sie mehr als reine Wissensvermittlung, sie ist eine Kundenbindungsmaßnahme. Einem Tauchshopbesitzer, der seinen Schülern ein Gefühl der Kompetenz vermittelt und gute Beratung liefert, fällt es leichter bei der Frage nach dem Ausrüstungskauf den Mehrwert seines Geschäfts gegenüber einem möglicherweise billigeren Online-Shop herauszustellen.

Zwar wird durch das PADI E-Learning System nicht die Bindung an ein Tauchcenter verhindert. Ganz im Gegenteil, vor der Registrierung muss sich der Tauchschüler erst einem Tauch Center zuordnen. Dies wird mit großer Wahrscheinlichkeit das sein, bei dem auch die praktische Ausbildung stattfindet. Und genau hier liegt eines der potentiellen Probleme.
Jean-Claude Monachon sieht als eine der Zielgruppen des e-Learnings diejenigen an, die die Theorie in Deutschland lernen wollen, um sich dann im Urlaub ausschließlich den Praxistauchgängen zu widmen. So soll nicht wertvolle Ferienzeit mit Büffeln verschwendet werden. Auch früher schon war diese Praxis durchaus üblich – Theorie und Schwimmbad hier bei einer Tauchschule, Freiwasser dann in tropischen Gewässern. Durch ausschließliche Online-Theoriekurse würden genau diese Kunden aus dem Einzugsnetz der lokalen Tauchshops fallen. Gerade für kleinere Tauchgeschäfte bedeutet das unter Umständen einen Kampf auf zwei virtuellen Fronten, einen Kampf, der für sie langfristig nur schwer zu gewinnen ist.
Der Tauchschüler als Gewinner?
Aber der Tauchanfänger profitiert doch sicher von dieser Entwicklung? Unbestreitbar bietet e-Learning dem Schüler große Vorteile. Der größte ist sicherlich die vollkommene zeitliche Unabhängigkeit. Wann immer und wo immer er will – mit einem Internetanschluss erhält der Taucheleve jederzeit Zugang zum virtuellen Klassenzimmer. Ein weiterer nicht unwichtiger Faktor ist die Qualität des Materials. Webbasiertes Theorietraining ist unabhängig von eventuell schwankenden didaktischen Fähigkeiten der Instructoren. Das Material ist entsprechend aufbereitet und wird professionell dargeboten.
Aber der Tauchschüler verpasst durch einen Online-Theoriekurs die Interaktion in einem Kurs und dabei nicht nur mit seinem Lehrer. Vielleicht stellt ein anderer Kursteilnehmer eine Frage, auf die man selber nie gekommen wäre, die einem aber beim Verständnis weiterhilft. Beim e-Learning ist man prinzipiell alleine und übersieht möglicherweise große Wissenslücken. Abhilfe verspricht hier, z.B. bei PADI, die Möglichkeit sich über Foren innerhalb der Online-Anwendung auch mit anderen auszutauschen.
Bei allen Unkenrufen – man kann PADI nicht vorwerfen, ein halbgares Produkt auf den Markt geworfen zu haben. Schon die Online-Demo zeigt, wie umfassend das Projekt angelegt ist, z.B. mit Foren oder der Einbindung der betreuenden Basen – eben mehr als nur eine Vermittlung von Wissen in einem neuen Medium. Mit dieser Anwendung liegt die Messlatte für zukünftige Scuba e-Learning Programme sehr hoch.
Hoffnung oder Bedrohung?
e-Learning ist dabei, die vorherrschende Methode der Wissensvermittlung im Einsteigerbereich des Tauchsports zu werden. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie die Tauchshops damit umgehen. Schaffen sie diese Technologie so einzubinden, dass ihre Vorteile nutzen können, ohne auf den wichtigen Erstkontakt mit Tauchinteressierten verzichten zu müssen, gewinnen sie, die Organisationen und Schüler. Falls nicht, könnte sich das Thema als weiterer Sargnagel gerade für den lokalen Tauchhandel erweisen.
