Kleiner Bruder - große Überaschung
Unterwegs mit dem Haiflüsterer

Schneller als gedacht waren die Tage an Big Brother vorbei und es war Zeit die anderthalb Kilometer zu Little Brother überzusetzen. Wehmütig schauten wir zurück zum sich langsam entfernenden Leuchtturm. Tolle Tauchgänge hatten wir dort gehabt, was wohl die kleinere Insel bieten würde? "Macht Euch keine Sorgen," meinte Linus, der schön öfters das ungleiche Brüderpaar besucht hatte, "Little Brother wird Euch nicht enttäuschen. Dort sind die Wände noch etwas steiler, die Fischschwäre noch größer und die Korallen noch einen Tick imposanter. Und außerdem," fügte er hinzu, "sollten wir hier auch Haie sehen."
Im Vergleich zu Big Brother ist die südöstlich gelegene Insel winzig, nur knapp 100 Meter lang und 50 Meter breit, und ragt nur maximal 12 Meter aus dem Wasser. Ein Saumriff umrahmt die gesammte Insel. Ein wellenumrandeter, windumtoster unwirtlicher Fleck Stein im Roten Meer, an der Oberfläche praktisch unberührt von Leben. Auch für uns Taucher ist ein Besuch auf der Insel nicht möglich.
Mit großem Geschick manövrierte unser Kapitän die Seaflower zum Ankerplatz am südöstlichen Ende der Insel und auch die Manschaft bewies ihr Können, beim Vertäuen des Schiffs an den fest installierten Ankerseilen. Bei Little Brother werden die meisten Tauchplätze mit dem Zodiac angefahren, aber es ist auch möglich direkt vom Boot aus die Südostseite erkunden.
Zähneputzen am Morgen

Am Abend teilte uns Mahmoud mit, dass der erste Tauchgang des nächsten Tages zum "Shark Point" führen würde. Hier gäbe es eine Putzerstation, in der sich am Morgen die Haie nach der nächtlichen Jagd die Zähne pflegen ließen. Haikontakt sei also fast garantiert.
Am nächsten Morgen trauten wir unseren Augen kaum, denn nach dem Briefing begann auch unser Guide Mahmoud sich anzurödeln. Da wir nach dem Checktauchgang immer eigenständig getaucht waren, hatte er bisher eine sehr entspannte Woche gehabt, nachdem er anfangs bei Big Brother ein paar Mal mitgetaucht war, um zu sehen wie wir mit dem Tauchgebiet klar kamen. Zufriedenstellend, offensichtlich, denn danach beschränkte sich seine Tätigkeit auf die Seaflower, wo er uns mit Rat und Tat zu Seite stand und uns mit guten Briefings auf die jeweiligen Tauchgänge vorbereitete. Aber offensichtlich hatten es ihm auch die Haie angetan.

Das Zodiac brachte uns in den Nordosten der Insel, einer Stelle an der die Strömung auf Little Brother trifft. Wieder einmal ist nach dem Verlassen des Zodiacs schnelles Abtauchen angesagt. Zusätzlich zum Wellengang kam hier die Strömung hinzu, gegen die wir beim Abstieg ankämpfen mussten. Wir sanken schnell, schafften es aber als Gruppe geschlossen zu bleiben, was auch Mahmoud beeindruckte, wie er uns später mitteilte. Weiter unten lies die Strömung nach und als wir bei 40 Meter die Putzerstation erreichten, wurden wir für die harte Arbeit entschädigt. Schon bei unserer Ankunft war einer der großen Räuber vor Ort, kurze Zeit später gesellte sich noch ein weiterer hinzu. Wir verharrten knapp über dem Riff und beobachteten wie die Riffhaie in nur wenigen Metern Entfernung langsam ihre Kreise zogen.

Es war ein beidruckendes Erlebnis, aufgrund der Tiefe leider auch nur ein kurzes. Viel zu schnell war die Grundzeit aufgebraucht, meldeten sich die ersten Computer und mahnten uns umzukehren. Ein letzter Blick auf die Haie, die sich ob der Beobachter völlig unbeeindruckt gaben, dann trat unsere Gruppe so geschlossen wie wir gekommen waren den Rückzug an. So mühsam der Hinweg war, so entspannt ging es wieder an die Oberfläche, vorbei an einer Wunderwelt des Lebens, an der man sich nicht satt sehen konnte.
Auch die restlichen Tauchgänge hielten, was Linus versprochen hatte. Die Steilwände waren wirklich steil, teilweise gingen sie in massive Überhänge über. War der Artenreichtum bei Big Brother schon unglaublich, so verschlug es einem hier endgültig den Atem. Man musste sich förmich darauf konzetrieren, nur einen bestimmten Bereich in Augenschein zu nehmen, zu groß war die Versuchung hektisch nach links, rechts, oben und unten zu schauen, um ja nichts zu verpassen, um so aber auch nichts wirklich zu sehen.
Im Angesicht des Hais

Wir hatten noch ein paar wirklich herausragende Tauchgänge an Little Brother. Die Tiefenjünger schwärmten von den Drop-offs, die im Nichts verschwanden umd den Überhängen die beim Auftauchen für grandiose Eindrücke sorgten, die Flachwasserfraktion war begeistert von den riesigen Fischschwärmen, dem Übermaß an Leben, das an jedem Quadratzentimeter des Riffs zu entdecken war. Abends tauschten wir unsere Erlebnisse aus, mit dem guten Gefühl, dass wirklich jeder einen guten Tauchgang gehabt hatte.
Für den letzte Tauchgang hatte Linus für Michi und mich noch eine Überraschung parat: "Passt auf, jetzt spiel ich mal Haiflüsterer!" Wir folgten ihm zu einem höhlenartigen Vorsprung, wo wir uns auf dem sandgigen Felsgrund niederließen. Durch einen Überhang und herabhängende Weichkorallen gut versteckt, dazu völlig regungslos, waren wir von außen praktisch nicht zu sehen. Wir warteten etwas, während ein Makrelenschwarm vorbeischwamm. Nach einer Weile schälte sich aus dem tiefen Blau ein Hai heraus, dahinter noch einer. Sie zogen mehrfach ihre Bahnen und kamen dabei unserem Versteck auf wenige Meter nahe. Es war ein beeindruckendes Schauspiel die Riffhaie, die am "Sark Point" 10 bis 20 Meter entfernt waren so nahe zu sehen, dass man das Gefühl hatte, sie berühren zu können, wenn man den Arm ausgestreckt hätte.

Ein Blick aufs Finimeter sagte mir, dass es Zeit war, diesen Platz zu verlassen. Linus tauchte nach links, Michi und ich nach rechts und bogen um die Riffkante. Plötzlich stockte mir der Atem - ein großer Fuchshai bewegte sich direkt auf uns zu und war nur wenige Meter entfernt. Der Hai uns ich sahen uns Angesicht zu Angesicht an und ich hatte nur einen Gedanke: Jetzt ein Photo!
Auch Michi hatte diesen Gedanken und wir beide versuchten gleichzeitig unsere Kameras hervorzuholen um ein Bild zu machen. Unser zweiter Gedanke war es den Fuchshai nicht aus den Augen zu lassen, denn es trat auch prompt ein, was wir beide befürchtet hatten. Noch ehe wir unsere Kameras in Stellung gebracht hatten, suchte der Fuchshai, wahrscheinlich auch erschrocken über das plötzliche Auftauchen der beiden Auqanauten, fluchtartig das Weite. So haben wir wenigstens die Erinnerung, denn nur Michi gelang es, den Hai überhaupt abzulichten, zumindest die lange Schwanzflosse. Was auch das einzige war, das Linus sah, der gerade um die Ecke kam, um zu uns zu stoßen.
Schade für den Haiflüsterer, aber zumindest uns hatte er einen letzten herausragenden Tauchgang an Little Brother beschehrt. Denn jetzt hieß es endgültig Abschied nehmen von den beiden Brüdern, dem imposanteren Big Brother mit seinem Leuchtturm und den zwei Wracks und dem unscheinbaren Little Brother, der seine im Übermaß vorhandenen Qualitäten erst unterwasser preis gab. Alles was ihm fehlt ist ein Wrack, dann wäre es der perfekte Tauchplatz.
© A.Nowotny bis auf (1) © M.Böhm und (2) © S.Opitz

