Die Wracks auf Big Brother
Die Numidia

Sie ist eines der bekanntesten und schönsten Wracks des Roten Meers und fand vor über hundert Jahren ihre letzte Ruhestätte am Riff von Big Brother. 1901, bei gutem Wetter, lief sie direkt auf die Nordostspitze der Insel, die zu diesem Zeitpunkt schon den Leuchtturm besaß, auf. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Leistung des Steuermanns. Nach Westen 60 Kilometer Wasser, nach Osten ca. 130 Kilometer. Und dazwischen eine (mit Saumriff) unter 100 Meter breite Insel. Das ist so, als ob man mit geschlossenen Augen einen Faden in eine Nadel einfädelt, die jemand anders in 3 Metern Entfernung hochhält. Da die Numidia nicht gleich sank, konnte sich die gesamte Besatzung in Sicherheit bringen und auch große Teile der Ladung gelöscht werden, ehe sie endgültig unter den Wellen verschwand.
Pech für die Rederei, Glück für uns Taucher. Die Numidia hatte Eisenbahnschienen und -räder geladen, Teile davon findet man immer noch im flacheren Bereich der Nordspitze von Big Brother. Das Wrack selbst liegt schräg am Riff, beginnend auf einer Tiefe von ca. 15 Metern, das Heck in einer Tiefe von ca. 70 Metern.
Im flacheren Bereich ist es teilweise schwierig festzustellen, wo das Riff endet und das Wrack beginnt, so eingewachsen mit Korallen ist es. Weiter unten ist das Schiff gut erhalten und man erhält einen klaren Eindruck ihrer der Struktur und den Aufbauten. Aber auch hier ist sie mit Korallen übersäht, zumindest bis zu einer Tiefe von ca. 40 Metern, wo der Bewuchs plötzlich aufhört.
Das Wrack liegt genau in der Strömung und das Riff verhindert durch die hohen Wellen und Brecher zeitweise, dass man sich mit dem Zodiac dort gefahrlos aussetzen lassen kann
Der Tauchgang an der Numidia

Unser Guide Mahmed teilte uns am zweiten Morgen mit, dass die Strömungs- und Wellenverhältnisse einen Tauchgang an der Numidia erlauben würde und wir die Gelegenheit nutzen sollten - wer weiß, ob wir noch einmal die Gelegenheit dazu hätten. Also ran an die Ausrüstung, Aufrödeln und rein ins Zodiac. Als wir uns der Riffspitze näherten, merkten wir schnell, warum man die Numidia nicht immer ansteuern kann. Selbst jetzt noch war die Fahrt mehr als rau, obwohl unser Skipper mit sicherem Auge und ruhiger Hand die schlimmsten Wellen umschiffte. Dann waren wir da, der Skipper zählte "Three, two, one ...GO" und wir ließen uns hintenüberfallen.
Zuerst fällt die Orientierung schwer, das Wasser ist aufgewühlt und voller Blasen, man wird von den Wellen hin und her geworfen. Wieder einmal ist schnelles Abtauchen das Gebot der Stunde. Bald beruhgt sich das Wasser und man kann sich orientieren. Buddy zur Rechten - alles klar? Nach dem OK-Zeichen als Antwort richtet sich der Blick in die Tiefe und man wird sofort für den Schleudergang beim Abtauchen entschädigt. Die Numidia schmiegt sich an das steile Riff und verliert sich unten im Blau des Meeres.
Wir hatten im Vorfeld beschlossen, erst schnell tief runter zu tauchen und dann langsam am Wrack wieder hoch. Die Bordwand bietet Schutz vor der Strömung, so dass wir mühelos schnell unser Ziel erreichten, das Ende der Aufbauten des Maschinenraums. Von hier hat man einen atemberaubenden Blick auf das gut erhaltene Heck und das tiefe Blau, das langsams ins Schwarz des Abgrunds übergeht.

Ein kurzer Blick ins Freiwasser, aberes ist leider kein Hai in Sicht. Ein weiterer kurzer Blick auf den Computer zeigt, dass es Zeit ist, langsam wieder höher zu steigen. Der Maschinenraum ist gut zugänglich und bietet dem Taucher Einblick in das Zeignis einer längst vergangenen und im wahrsten Wortsinn untergegangenen Welt. Die Maschinen werden zwar nicht mehr von den Machinisten bedient, aber dennoch ist rings um sie viel Leben. Schwärme von Glasfischen befinden sich im Inneren, öffnen sich, um uns hindurch zu lassen und schließen sich dann wieder hinter uns. Ein einmaliges Erlebnis.
Wir beschließen nicht tiefer in das Wrack einzudringen und tauchen durch eines der Oberlichter wieder heraus. Draußen wartet schon ein Begrüßungskomitee - eine Gruppe Rotfeuerfische beäugt uns neugierig, hält aber netterweise Abstand. Was man nicht möchte, ist den Ausgang von diesen wunderschönen aber gefährlichen Fischen versperrt zu sehen.

Beim gemütlichen Auftauchen am Äußeren des Wracks entfaltet sich seine außergewöhnliche Schönheit. Jeder Meter nach oben bringt neue Wunder, sich samt in der Strömung wiegende Weichkorallen, Glasfische, die zwischen den Aufbauten hin und her schwimmen und natürlich das Schiff selbst, das trotz des Bewuchses und der langen Zeit unter Wasser gut erhalten eine Grandesse ausstrahlt, die sie in ihrem ersten Leben wahrscheinlich nie hatte.
Nur oben am Riffdach hat die malmende See das Wrack völlig zerstört. Hier tauchen wir in Ruhe aus, schauen ein letztes Mal zur Numidia zurück, ehe wir uns hinaus ins Blauwasser begeben, weg vom Riff, damit uns das Zodiac gefahrlos wieder auflesen kann. Die Fahrt zurück ist weniger ruppig, aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass die Gedanken noch dem eisernen Mädchen an der Riffkante nachhängen.
Die Aida
Das zweite Wrack von Big Brother war ein Versorgungsschiff der ägyptischen Marine und wurde benutzt, um Big Brother mit Verpflegung zu versorgen und das Personal auszutauschen. Am 15. September 1957 nahm die Aida Kurs auf Big Brother, mit der Ablösung für die dort stationierten Soldaten. Trotz des heftigen Sturms beschloss der Kapiten am Landesteg anzulegen und rammte dabei die Insel so schwer, dass das Schiff sofort aufgegeben werden musste. Die Aida wurde noch etwas in Richtung Nordwesten getrieben, sank endgültig und kam, wie auch die Numidia, auf dem steil abfallenden Riff zu liegen.

Der Bug des Schiffes befindet sich auf 25 Metern, der Heck auf 60 Metern. Auch dieses Wrack ist sehr gut erhalten und über und über mit Korallen bewachsen. Wie die Numidia ist es ein Traum für Wracktaucher, aber auch für diejenigen, die eher Korallen und Fische suchen, sozusagen das Beste aus beiden Welten.
Auch hier gilt wieder, dass starke Strömungen das Tauchen am Wrack unterbinden können. Nachdem wir beim ersten Tauchgang der an der Aida stattfand, eine andere Tour geplant hatten, nahmen wir die Gelegenheit wahr, beim zweiten Besuch mit dabei zu sein. Leider war dies das einzige Mal, dass uns unser Zodiakfahrer nicht genau den richtig Spot fand und uns an der falschen Stelle rausschmiss. Nach einiger Zeit ergebnislosem Suchens beschlossen wir, uns lieber der Schönheit des restlichen Riffs zu widmen. Schade, aber andererseits ist dies natürlich ein Anreiz, um wieder einmal zu den Brothers zu fahren.
© M.Böhm 2007

