Sicherheit beim Tauchen:
Der Incident Pit

¤ Der Tauchgang ¤ Der Incident Pit ¤ Anwendung ¤

Der Tauchgang

Jana, Claus und Achim beschließen, einen Wrack-TG auf 40m zu machen. Es ist der zweite TG an diesem Wrack und der insgesamt dritte während einer Tour in dieser Buddykonstellation. Um die Grundzeit möglichst hoch zu halten, wird ausgemacht, dass man sich nach einem kurzen Check auf 5m mit maximaler Geschwindigkeit am Bojenseil abwärts gleiten lassen würde, da keiner Druckausgleichprobleme hat.

Nach entsprechender Tauchgangsplanung fangen die drei Buddies an, sich anzurödeln. Nachdem alle in Ihren Trocki gestiegen sind, ziehen sich Jana und Achim mit großer Geschwindigkeit an, während es bei Claus noch etwas dauert. Jana und Achim beschließen sich zu checken und im Wasser zu warten, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen. Nach ein paar Minuten folgt ihnen Claus, sie begeben sich zur Boje und tauchen ab. Wie vereinbart fragen sie auf 5m noch mal ab, ob alles OK ist und lassen sich dann am Seil in die Tiefe fallen.

Achim fällt am schnellsten, Jana und Claus folgen hinter ihm. Auf 15m gibt Claus Jana ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt, dann gibt er das OK-Zeichen und signalisiert, dass Jana und Achim weitertauchen sollen und beginnt sofort mit dem Aufstieg. Jana versucht mit der Lampe die Aufmerksamkeit von Achim zu erregen, der zu diesem Zeitpunkt ca. 2,5 m unter ihr ist und weiter fällt. Bis Achim reagiert, gebremst hat und den Aufstieg einleitet, ist er auf 25m, Jana ist auf 19m und Claus auf 15m. Auf 8m holt Jana Claus ein. Dort befinden sich Taucher, die gerade die letzten Minuten Ihrer Deko absitzen. Jana übergibt Claus an den Führer dieser Tauchgruppe und kehrt, nachdem sie sich vergewissert hat, dass mit Claus alles in Ordnung ist, zu A, den sie auf 13m trifft. Gemeinsam vollenden sie den TG, der ohne weitere Probleme abläuft.

Das Tauchprofil

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Der Incident Pit

Auf den ersten Blick ein Tauchgang, wie er nicht unüblich ist: vom ursprünglichen Plan abweichend, mit kleineren Vorkommnissen, aber ohne gröbere Probleme.

Auf den zweiten Blick ist dieser Tauchgang ein gutes Beispiel für den so genannten "Incident Pit", eine unter Umständen fatale Anhäufung kleinerer Zwischenfälle.

Während des Tauchernettreffens in der Ostsee war, ausgelöst durch die Anwesenheit unsere zwei Teilnehmer aus Leeds, einer der Hauptdiskussionspunkte beim abendlichen Dekobier die Unterschiede zwischen britischem und deutschem Tauchen. Neben der erhöhten Akzeptanz von Nitrox, war einer der Hauptpunkte Tauchgangsplanung eben auch der Incident Pit.

Generell kann man sagen, dass es beim Incident Pit darauf hinausläuft, dass es durch die Verkettung kleinerer Vorfälle zu einem tödlichen Tauchunfall kommen kann.

Der Incident Pit

Dabei beginnt das Abrutschen in den Incident Pit nicht erst im Wasser. Es beginnt beim Trainings- und Gesundheitszustand der Taucher, dem Zustand der Ausrüstung, der Vertrautheit damit und wie gut sich das Buddyteam kennt. Dazu kommen natürlich die Planung des Tauchgangs und die beständige Beobachtung der Tauchbedingungen. Einige dieser Faktoren können und sollen bei der Planung entsprechenden berücksichtigt werden. Andere Faktoren können nicht so einfach eingeplant werden, wie das Reißen eines Flossenbandes oder das Ausrutschen auf dem Weg zum Einstieg.

Durch solche relativ kleinen Vorkommnissen wird aber ein Stressgefühl verursacht, mit dem es dann ins Wasser geht. Hier wird erstmal normal getaucht - auch kleinere Vorfälle können noch relativ leicht verarbeitet werden. Sollten sich diese aber häufen oder es zu kleineren Notfällen kommen, steigt der Stress und es kann beim Taucher zu ersten Anzeichen von Furcht kommen, dem Gefühl, dass bei diesem Tauchgang etwas nicht stimmt, bzw. dass man den Tauchgang nicht ganz im Griff hat. Spätestens jetzt befindet man sich an einem Scheidepunkt. Wenn man die Zeichen richtig deutet, es schafft, sich selber zu beruhigen und sich einzugestehen, dass Weitertauchen gefährlich wäre, kann man das Ruder herumreißen und durch Austauchen weitere Probleme verhindern.

An diesem Punkt kann Furcht aber auch leicht in Panik umschlagen. Diese kann durch eine sich ungezügelt steigernde Furcht ausgelöst werden oder durch das Auftreten eines weiteren (ernsten) Problems. Ist die Panik erst einmal ausgebrochen, kann sich der betroffene Taucher nicht mehr selber helfen, seine kognitive Leistungsfähigkeit ist zu stark eingeschränkt. Die durch Panik normalerweise ausgelösten instinktiven Flucht- und Abwehrreaktionen können unter Wasser lebensbedrohlich sein. Wenn es dem Tauchpartner an dieser Stelle nicht gelingt, seinen in Panik geratenen Buddy zu beruhigen und dazu zu bringen, geringere Tiefen aufzusuchen, bzw. langsam auszutauchen, ist die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden fatalen Tauchunfalls gegeben.

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Anwendung

Soweit zur Erklärung des Begriffs Incident Pit. Was aber bringt uns das Wissen darum? Es heißt, wir werden aus Erfahrung klug. Der Incident Pit hilft uns nicht nur dabei, entsprechend Problem beladene Tauchgänge zu analysieren, sondern er lenkt unseren Blick auch gerade auf die kleineren Vorfälle, die als Auslöser für die Katastrophenkette dienen. Zum Glück endet nicht jeder Zwischenfall unter Wasser fatal - gerade aber wenn ein Tauchgang einen nicht geplanten Verlauf genommen hat, sollte man solche Vorfälle nicht mit "Ist ja noch einmal gut gegangen!" beiseite wischen, sondern sollte sich die Mühe machen, die Verkettung zu analysieren und dabei auch berücksichtigen, was an den verschiedenen Stationen des Tauchganges noch hätte passieren können. Als Beispiel für eine solche Analyse soll der oben beschriebene Tauchgang dienen.

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Die Probleme

Auch hier begannen die Probleme vor dem Tauchgang. Dabei lassen sich drei Punkte herausgreifen:

  1. Das 3er Buddyteam. Bei anspruchsvollen Tauchgängen ist so eine Konstellation eine suboptimale bis gefährliche Lösung, auch wenn zwei der Buddies schon öfters mit einander getaucht sind. Ein generelles Problem ist die Schwierigkeit, Dreiergruppen vernünftig zu leiten. Das fängt schon mit der Gruppenanordnung an. Befindet sich der Gruppenführer in der Mitte, muss er sich nach beiden Seiten orientieren, um beide Buddies im Blick zu behalten. Befindet er sich am Rand ist er vom äußersten Buddy relativ weit entfernt. In beiden Fällen muss er sich konstant um zwei Personen kümmern.

  2. Es wurde bei der Tauchgangsplanung beschlossen, sich so schnell wie möglich am Seil in die Tiefe fallen zu lassen. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass in so einem Fall die Wahrscheinlichkeit eines gemeinsamen Gruppenabstiegs sehr gering ist, da ein Auseinanderdriften des Teams fast zwangsläufig eintritt.

  3. Dadurch, dass es sich bei dem 3er Team nicht um ein eingespieltes Team handelt, wussten die Buddies nicht, wie schnell sich die anderen jeweils anziehen. Claus braucht um einiges länger als Jana und Achim, so dass diese eine Weile an Bord auf ihn warten und dann beschließen, zur Abkühlung schon mal ins Wasser zu gehen und dort weiter zu warten. Für Jana und Achim ist das kein Problem, aber Claus fühlt sich in diesem Moment unter Druck gesetzt. Dies hat zwei Folgen: Bemüht, so schnell wie möglich seinen 2 Buddies zu folgen, zieht sich Claus etwas schneller an und lässt es beim Anlegen des Trockenhandschuhs etwas an Sorgfalt fehlen, mit dem Ergebnis, dass sich Fäden des Unterhandschuhs zwischen die O-Ringe schieben. Die zweite Folge war, dass Claus sich gestresst fühlte und damit den Tauchgang gestresst begann.
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Der Weg in den Pit

Damit waren die ersten Schritte in Richtung Incident Pit getan. Unter Wasser gingen die Probleme dann weiter und es ist nur Glück, Erfahrung und der im entsprechenden Moment richtigen Reaktion der anderen beiden Taucher zu verdanken, dass es zu keinem schlimmen Ende kam.

  1. Wie besprochen wurde auf 5m kurz geprüft, ob alles OK ist. Dabei waren alle Buddies bestrebt, so schnell wie möglich weiter nach unten zu kommen. Deshalb prüften die Teilnehmer nicht genau, ob wirklich alles stimmte, sondern gaben alle schnell das OK-Zeichen. Besonders Claus, der zu diesem Zeitpunkt ein unspezifisches Unwohlgefühl hatte, wollte die anderen nicht weiter aufhalten.

  2. Nach dem die OK-Zeichen gegeben wurden, ließen sie sich, wie vereinbart, absacken. Dabei hatte besonders Achim hauptsächlich das Bojenseil im Auge, nicht aber seine Buddies. Zusätzlich sank er um einiges schneller als die anderen beiden und entfernte sich so von der Gruppe. Zum Zeitpunkt des Umkehrens war er 7m tiefer als Jana und 12m tiefer als Claus!
TG-Profil im Detail
  1. Beim Absinken merkte Claus, dass er ein Problem hatte: er hatte das Gefühl, dass seine linke Hand nass wurde. Er konnte zwar kein Loch entdecken, traf aber die in diesem Moment richtige Entscheidung, den Tauchgang abzubrechen und zeigte Jana an, dass er ein Problem hatte. (Die Ursache waren besagte Fäden, die über den O-Ringen des Trockenhandschuhs lagen - sie führten erstaunlich viel Wasser ins Innere des Handschuhs.)

  2. Dann allerdings traf er die falsche Entscheidung: Er wollte nicht den Tauchspaß seiner Buddies behindern, also beschloss er, diese weiter tauchen zu lassen, selber aufzusteigen und sich der Tauchgruppe, der sie beim Abtauchen begegnet waren, anzuschließen und zusammen mit ihnen auszutauchen. Daher gab er Jana das OK-Zeichen, bedeutete Ihr, dass sie weitertauchen sollte und leitete seinen Aufstieg ein.
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Ein Ende mit Schrecken oder ein schreckliches Ende?

Dies war der Moment der größten Gefahr dieses Tauchgangs. Besonders Gruppenführerin Jana war jetzt in einer problematischen Situation. An dieser Stelle hätte es verschiedene Wege den Incident Pit hinunter gegeben

  1. Jana vertraut darauf, dass Claus in Ordnung ist und folgt Achim, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts bemerkt hat und mit unverminderter Geschwindigkeit abtaucht. Bis zu dem Zeitpunkt an dem Jana Achim erreicht hätte, wären alle drei Taucher de facto Solotaucher gewesen, in tiefem kaltem Gewässer mit Strömung. Hätte einer der drei ein Problem gehabt, wäre schnelle Hilfe durch einen Buddy nicht möglich gewesen. Besonders Claus war gefährdet, denn er stand von vorneherein unter Stress, hatte ein Problem, dessen Bedrohlichkeit er nicht genau einschätzen konnte und war ca. 10m von der angestrebten Tauchgruppe entfernt. Wäre zu diesem Zeitpunkt ein weiteres ernstes Problem aufgetaucht, hätte die reelle Möglichkeit bestanden, dass er in Panik geraten wäre.

  2. Jana schafft es nicht, die Aufmerksamkeit des sich schnell entfernenden Achim auf sich zu ziehen. Da sie wegen des ungewöhnlichen Verhaltens von Claus um diesen besorgt ist, beschließt Jana, sich erst einmal um Claus zu kümmern. Spätestens wenn er auf 40m beim Wrack angekommen wäre, hätte Achim gemerkt, dass er seine Partner verloren hätte. Das Stress- und damit Gefährdungspotential dieser Situation ist nicht zu unterschätzen. Partnerverlust, Kälte, Strömung und mit Sicherheit ein gewisses Maß an Tiefenrausch hätte in dem Moment eventuell fatale Folgen haben können.

Glücklicherweise kam es dazu nicht. Jana machte Achim mit Lichtsignalen auf die Situation aufmerksam, beide leiteten den Aufstieg ein und behielten dabei sich und auch Claus im Auge. Nachdem Jana den inzwischen eingeholten Claus an die andere Gruppe übergeben hatte, machte sie sich wieder an den Abstieg, traf sich mit Achim und tauchte mit ihm kontrolliert ab. Dabei muss natürlich auch gesagt werden, dass durch die Aktion für Achim und B natürlich auch ein gewisses Stresspotential aufgebaut wurde. Der Schritt in einen weiteren Incident Pit? Der weitere Tauchgang verlief zum Glück ohne weitere Zwischenfälle.

Im Nachhinein kann man solche Tauchgänge natürlich schön analysieren, wichtig ist jedoch, dass man die gewonnenen Einblicke entsprechend verwendet und bei der Planung künftiger Tauchgänge berücksichtigt. Eine Möglichkeit dazu bietet sich bei einer Risikoanalyse als Teil der Planung von anspruchsvollen Tauchgängen.



Dieser Artikel erschien ursprünglich im Magazin des Taucher.net

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copyright Andreas Nowotny 2003



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